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„Aachen ist immer von einem gewissen Drama gezeichnet“ – Ein Interview mit Max Kühner

Max Kühner ist die unangefochtene Nummer eins der Springreiter aus Österreich. Mit seiner Familie und den Pferden auf einer wunderschönen, idyllischen Anlage in Bayern. Arbeit und Freizeit werden im Hause Kühner nicht getrennt, was für alle aber auch selbstverständlich ist, da alle den „Spirit des Reitsports“ leben und lieben. Auch in diesem Jahr hätten wir ihn live in Aachen beim CHIO sehen können, doch leider macht uns COVID-19 und die damit einhergehende Verschiebung oder Absage der Events rund um den Turniersport einen Strich durch die Rechnung. Dennoch möchten wir euch dieses Interview nicht vorenthalten, welches wir im Rahmen des CHIO Aachens 2019 mit Max Kühner führen durften.

Was macht Aachen für dich so besonders?

Aachen hat viele Besonderheiten, ganz einfach schon aufgrund der Größe! Es ist ein riesiges Stadion mit 40.000 Sitzplätzen, die auch immer gut gefüllt sind. Die Weitläufigkeit des Parcours und die Reitfläche bieten viele Eindrücke, denn auf dem Platz befinden sich unheimlich viele Ablenkungen, denn beispielsweise der Teich oder besondere Hindernisse setzen einen guten Draht zu seinem Pferd voraus, damit man diese Tücken auch gut bewältigen kann. Dadurch ist Aachen auch immer von einem gewissen Drama gezeichnet, bei einigen geht es ganz gut, bei vielen passiert allerdings dann immer irgendetwas. Das ist dann für die Zuschauer vielleicht im ersten Moment ein wenig spannend oder gar amüsant, man selber versucht aber natürlich, dieses Drama zu vermeiden.

Nimmst Du die Kulisse eigentlich so richtig wahr?

Also das Publikum nimmt man nicht so wirklich wahr, aber ich nehme das Pferd wahr. Ich horche in das Pferd hinein und wenn man das häufig genug gemacht hat, dann denkt man, wie das Pferd denken würde. Das heißt bereits beim Parcours abgehen weiß ich, wie welches Pferd mit den Anforderungen umgehen wird und wenn man dann in den Parcours rein reitet bekommt man sofort ein Feedback von seinem Pferd. Man nimmt also eher das Pferd mit seinen Reaktionen wahr, als das ganze Drumherum.

Wenn Du merkst, dass sich ein Pferd von der Kulisse dann doch sehr beeindrucken lässt, änderst Du dann Deinen Plan?

Klar, wir müssen uns sofort darauf einstellen und das ist nichts anderes, als wenn man mit einem Partner zusammen eine Sache bewältigen möchte und der braucht dann etwas mehr Zuspruch oder Unterstützung. Im gleichen Moment, wenn das Pferd dann wieder etwas mehr entspannt, muss man auch schnell wieder entspannen, sonst baut man unheimlich viel Druck auf, was dann am Ende kontraproduktiv ist.

Wie sieht dein Alltag auf einem Turnier aus und hast du feste Rituale?

In der Früh reite ich die Pferde immer, das wird allerdings von Pferd zu Pferd entschieden, ob man richtig reitet oder nur ein wenig Schritt geht. Dann gehen auch schon die Prüfungen los, man geht den Parcours ab und verinnerlicht diesen, dann bereitet man sich gemeinsam mit seinem Pferd auf die Prüfung vor. Außerdem gehen wir mit den Pferden spazieren, machen mit ihnen Wellness – sie stehen eigentlich den ganzen Tag im Fokus!

Du hast daheim eine wunderschöne Anlage und wohnst auch dort, trennst Du da noch dienen Beruf von Deiner Freizeit?

Nein, das gibt es bei uns nicht! Wir lieben und leben alle den Sport. Meine Tochter schläft über der Box von Chardonnay, wenn der sich in der Nacht umdreht oder gegen die Box tritt hört sie das. Wir leben diesen Sport komplett! Wir gehen aus unserem Haus in den Stall rein, das ist wie eine große Familie, die alle den Spirit der Pferde leben und sich darüber viele Gedanken machen. Wir machen es aber gerne, deswegen ist es keine Belastung, da gibt es keine Grenze zwischen Freizeit und Arbeit.

War es schon immer Dein Traum, Profi zu werden?

Ich komme aus keiner Profireiterfamilie, meine Eltern sind immer ein bisschen geritten und haben mich auch immer unterstützt. Ich wollte immer weiter kommen und habe auch immer nach vorne gestrebt! Wenn man jetzt nicht aus einer großen Reiterfamilie kommt, geht man meist einen Zickzack-Weg. Das heißt da gibt es keinen geraden Weg, man geht drei Schritte nach vorne, zwei zurück, mal auch fünf Schritte zurück, dann wieder drei Schritte nach vorne, das ist so ein typischer Weg. Manchmal redet man auch über Jahre, die man zurück geht, weil man zum Beispiel einen falschen Gedanken zu etwas hatte. Ich wollte das immer und habe da immer drauf hin gearbeitet, dass das alles geht. Meine Kinder wollen das auch gerne, für die ist das allerdings jetzt viel einfacher. Die laufen wie auf einer Autobahn, die kommen mal an die Leitplanke, sind aber nicht, wie ich damals, im Dschungel. Die bekommen es vorgelebt und für die sind viele Sachen schon selbstverständlich!

Ich weiß noch, als ich das erste Mal nach Aachen gefahren bin, bin ich relativ unbedarft hier her gefahren. Ich hatte gar kein Doppelwasser geübt oder mich auf die schwierigen Aufgaben explizit vorbereitet – das würde ich heute nicht mehr machen! Die Pferde, die hier heute mit gehen, die haben die Aufgaben auch schon einmal gesehen und geübt. Aber das macht man alles erst, wenn man eine gewisse Erfahrung und Routine hat.

Gibt es einen Pferde-Typ, den du besonders gerne hast? Wann ist ein Pferd für dich „das richtige“?

Ich mag gerne viele verschiedene Typen von Pferden, mir ist wichtig, dass sie viel Blut haben und viel von selbst anbieten. Ich mag es viel lieber, wenn ich etwas bremsen, als wenn ich motivieren oder auffordern muss, etwas zu machen, dieser Typ von Pferden liegt mir nicht so. Ich mag lieber die Übereifrigen!

Und was macht Springreiten für Dich aus, welches Gefühl hast du dabei?

Das ganz besondere an unserem Sport ist, dass man mit dem Teampartner Pferd etwas zusammen erreicht, da besteht schon eine ganz besondere Verbindung zwischen Pferd und Reiter und es ist ein besonderes Gefühl, wenn man zusammen etwas erreicht hat.

Dann finde ich im Springsport – auch wenn das im Dressur- oder Vielseitigskeitssport mit Sicherheit genau so ist – interessant, dass es eben ein Teamsport ist. Reiter und Pferd stehen zwar öffentlich im Vordergrund, aber wir Reiter sind ohne unser Team im Hintergrund nichts! Da haben wir beispielsweise die Pfleger, die sind fernab der normalen Arbeitszeiten bewegen, diese kümmern sich um die Pferde, als wären es die eigenen Kinder. Wenn man auf Turnieren ist, muss zusätzlich natürlich auch im Heimatstall ein gutes Team sein, gute Bereiter, die die Pferde reiten und auch dort müssen gute Pfleger sein. Manchmal reisen wir von einem Turnier zum nächsten, mit unterschiedlichen Pferden, da müssen wir dann jemanden zur Hand haben, der – während wir noch auf dem einen Turnier unterwegs sind – mit einem der Pferde von zu Hause aus um die halbe Welt fliegt. Wir brauchen gute Hufschmiede, Physiotherapeuten, Tierärzte – kurzum: man braucht ein gutes Team, damit man im Sport überhaupt diese Höchstleistungen bringen kann. Und das ist für mich das Reizvolle an unserem Sport!

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Sport

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